MiniMoog Voyager (Performer Edition)

Im Jahre 2002 meldete sich die amerikanische Firma Moog Music zurück - mit einer Neuauflage des legendären Minimoog, dem Synthesizer, mit dem damals alles so richtig anfing.
Aber das stimmt nicht ganz. Der neue Minimoog - Voyager, so nennt er sich - begnügt sich nicht damit, nur die Kopie eines Originals zu sein. Er ist zum Beispiel ausgestattet mit den zeitgemäßen Features, die man heute selbstverständlich von einem Synthesizer erwartet: Anschlagsdynamik, Speicherbarkeit, MIDI und Aftertouch.
Als ich damals meinen Minimoog direkt bei EMC kaufte, dem deutschen Vertrieb für Moog Produkte, hatte ich die Wahl. Vor mir stand ein liebevoll restaurierter Original-Minimoog und ein brandneuer Voyager. Preislich lagen die beiden ungefähr gleich. Ich testete beide... und entschied mich für den alten Minimoog. Die Gründe dafür könnt ihr in meiner Beschreibung lesen. Ich wollte einen Minimoog, ich fand nie, dass der Voyager exakt so klingt wie ein alter Minimoog, aber ich muss zugeben, dass die Neugier auf den Voyager nie erloschen ist. Nun... das Schicksal spielte mir dieser Tage einen Voyager in die Hände. So, jetzt gilt es - was kann diese Kiste? Und ist sie so gut wie ein alter Original-Mini? Oder sogar besser?
Wenn man allein die Ausstattung betrachtet, hat der Voyager gegenüber dem Urahnen nahezu doppelt so viele Kinkerlitzchen eingebaut: Einen separaten (sogar synchronisierbaren!) LFO zusätzlich zu den drei Oszillatoren, deren Schwingungsformen jetzt stufenlos von Dreieck über Sägezahn bis Rechteck regelbar sind, Oszillator-Sync, ein duales Filter, das ganz nach Moog-Manier wunderbar zwitschern und glitzern kann. Die separate Noise-Quelle ist laut Handbuch ein Pink/White-Hybride (also hellrosa?), es gibt Sample & Hold und zwei Modulations-Busse, von denen einer fest dem Modulation-Wheel zugeteilt ist und der andere nach Belieben auch per Pedal angesteuert werden kann. Zwei komplette ADSR-Hüllkurven - knackig, wie man es bei Moog erwartet. Das typische Minimoog-24db/Octave-Filter wurde ersetzt durch eine Dual-Filter-Kombination, deren Cutoff-Positionen man spreizen und die man von 2x Lowpass nach Low-/Hi-Pass umschalten kann. Außerdem lässt sich die Charakteristik der einzelnen Filter im Menü sogar wechseln - es stehen auch 18db, 12db und 6db zur Verfügung. Über den Wheels befinden sich auch beim Voyager die On/Off-Kippschalter für Glide und Release.

Und in der Mitte des Bedienfeldes... was ist das? Sieht auf den ersten Blick aus wie ein kleiner Monitor. Was gibt's da zu sehen? Oszilloskopische Schwingungen? Super Mario? RTL Zwo? Nee, ist kein Monitor - ist was zum anfassen: Das Touchpad! Es verarbeitet nicht nur die vertikale und horizontale Achse, sondern ist auch druckempfindlich, womit man in der Lage ist, 3 Parameter zu steuern. Intern ist es beliebig jedem Poti zuweisbar und nach außen werden Controllerdaten gesendet, mit denen man auch bei anderen Synthies Unfug anstellen könnte. Ob man das muss, bleibt jedem selbst überlassen.
Der Voyager kommt in der Performer-Edition (der Basis-Variante), der Select-Edition (wählbare Holzsorten und Panel-Beleuchtung in verschiedenen Farben), der Electric-Blue-Edition (bös schwarz mit blau leuchtenden Kontrollen... war wohl eine besonders erfolgreiche Select-Variante), der limitierten Signature-Edition (mit Autogramm von Bob Moog) und als Rack-Version ohne Keyboard.
Ja, ich gelange zu dem Schluss, dass es sich hier wirklich um einen würdigen Minimoog-Nachfolger handelt. Sowohl klanglich als auch konzeptionell. Trotzdem würde ich nie und nimmer meinen Original-Mini dafür hergeben, denn der Voyager ist mit seinen zahlreichen Funktionen und cleveren Features nicht mehr so ganz der schrullige, sympathische Synthie, der zum Anfassen und Spielen einlädt. Der Babyspeck ist weg. Vielleicht ist der Minimoog mit dem Voyager einfach nur erwachsen geworden.

Einsatzgebiete: Bass, Leads, Drones, Effekte, Percussions, Drums - alles machbar, Herr Nachbar.

Vorteile: Klanglich ein Monstrum, keine Frage. Da geht eine Menge mehr als beim alten Mini. Verarbeitung sehr gut. Ich habe ihn im MIDI-Verbund noch nicht allzu ausgiebig getestet, aber bisher macht er seine Sache prima. Sogar die vergleichsweise günstige Performer Edition hat beleuchtete Mod-Wheels aus Plexiglas geschenkt bekommen. Die obere Seite des (natürlich hochklappbaren) Bedienfeldes bietet eine Menge Klinken-Eingänge für externe Steuersignale wie Pedale oder andere Spannungsquellen. Aus Zusatz gibt es von Moog Music außerdem eine Breakout-Box für den Voyager, die an einem speziell dafür vorgesehenen Accessory-Port angeschlossen wird und es erlaubt, einige Signale extra abzugreifen und extern zu bearbeiten. Der Voyager ist monophon - das Keyboard jedoch schickt polyphone MIDI-Signale nach außen, was den Voyager tauglich als Masterkeyboard macht. Pfiffig.

Nachteile: Wiegt immer noch einiges. Ich würde sagen, ungefähr wie ein voller Kasten Bier. Zum Glück bin ich kein Live-Keyboarder, der seine Gerätschaften ständig schleppen muss. Das Plexiglas-Pitchwheel hat ein Manko: Wenn man es nach einem Bending zurückschnappen lässt, federt es noch kurz mit einem frechen "BRRRR!" um die Nullposition herum, was man auch als Tremolo hört. Ich musste erstmal sehr lachen, aber ich glaube, dieser Witz hat schnell einen Bart. Auch beim Voyager kein Ringmodulator in Sicht, ebenso wie beim Original. Fairerweise muss man dazu sagen, dass man ihn a) auch hier nicht vermisst und b) die Firma Moog Music mit der Moogerfooger-Serie mittlerweile ein umfangreiches Programm an Ringmodulations-, Filter-, Distortion- und sonstigen Effekt-Tretern anbietet, das wohl kaum Wünsche offenlässt. Der Voyager ist ein Vollblut-Analoger, aber mit allen Tugenden und Tücken einer MIDI-Komplettausstattung. Nicht jedermanns Sache. Die Menüstruktur ist gewöhnungsbedürftig und stellenweise unübersichtlich. Das Voyager OS 3.5 scheint immer noch etwas buggy zu sein. Mitunter reagiert bei meinem Exemplar der 2. Modulations-Bus nicht - erst nach dem Speichern wird er wieder zum Leben erweckt. Kurios.

 

Soundbeispiele

 

Schöner, hauchiger Klang mit Oszillator-Noise-FM.

Knuspriger Sequenzerlauf mit 3 VCOs an Filter-Resonanz-Variation. Bon Appetit!

PWM-Drone. Schön, wie hier die Filterresonanz die Obertonspektren rauskitzelt.

100% VCF-Resonanz, moduliert mit VCO Nr. 3, moduliert mit LFO. Knackig und brilliant.

Aber natürlich, Leadstimme kann er auch. Wäre ja sonst kein Minimoog.

Mit VCO-Sync geht auch dem Jan-Michel seine Laserharfe. Kein Problem.