Roland TR-606 "Drumatix"

Bitte? Drumatix? Ist das so ein gallischer Druide oder der Proberaumkumpel von diesem Barden, den keiner hören will? Niemand nennt sie Drumatix. Wir nennen sie bei ihrem wahren Namen: 606, im Geheimdienst zahlloser Majestäten! Und sie hat ihren Platz in der ehrwürdigen Reihe der dreistellig durchnummerierten Roland-Ritterlegenden: SH-101,TB-303, TR-606, TR-707, TR-808, TR-909, und da gehört sie hin, bitteschön.
Der dosige Klang dieser kleinen Plastikkiste hat ebenso Musikgeschichte geschrieben wie manch andere Vertreter meiner Sammlung. Vom Design her passt sie sich an die Roland TB-303 Bassmaschine an, die zusammen, per Sync-Kabel vereint, als Acid-Duo in den späten 80ern und frühen 90ern Furore machten und klangvolle Legenden aus den Tiefen des unendlichen Elektro-Universums schmiedeten. Wer wissen will, wie sie klingt, sollte mal in einer gut abgehangenen Plattensammlung wühlen und nach alten Hiphop-Scheiben oder Bands wie S-Express, Nucleus oder Yazz wühlen. Auch heute hört man sie noch bei Acts wie Jimi Tenor, Nine Inch Nails, Moby, Aphex Twin, Massive Attack und... tüdelü... zahllosen anderen Produktionen.

Die Klangerzeugung der TR-606 ist vollanalog, die Steuerung ist digital, was bedeutet: Hier kann gespeichert werden, was für einen Drumcomputer natürlich schonmal sinnvoll ist. Sie kann mit 4 Babyzellen betrieben werden, damit der Speicher nicht flöten geht und das silberne Schuckelchen auch mal mit in Urlaub fahren kann, denn sie passt ohne Probleme mit in den Kulturbeutel. Kurioserweise ist ein "leerer" Speicher einer TR-606 nicht etwa leer, sondern mit lustigem Chaos gefüllt. Wenn man sie also eine Zeitlang ohne Strom schlafen legt und dann wieder einschaltet, sind alle Speicherplätze auf wundersame Weise mit wilden Trommelsolos ohne erkennbaren Sinn und Verstand belegt. Eine Maschine, die offenbar träumen kann und sich davon auch noch Notizen macht...

Die große "Schwester" der TR-606, die TR-808, ist um einiges vielseitiger, populärer und wird heute zu absoluten Mondpreisen gehandelt. Dennoch hat die 606, abgesehen von den immer noch recht begehrten Klängen, ein Feature, das sie allen anderen Drummies lange voraus hatte: Man kann in laufende Sequenzen zu 100% eingreifen, Patterns verändern, löschen, neu programmieren, arrangieren und kombinieren. Das alles, während sie läuft, ohne Unterbrechung, ohne Aussetzer - das kann nicht einmal die Kultmaschine TR-808. Somit ist die 606 ein heißer Kandidat für elektronische Live-Sessions als zentraler Taktgeber, denn zusätzlich verfügt sie über 2 unabhängig programmierbare Trigger-Outs, mit denen man analoge Sequenzer oder andere Synthesizer ansteuern kann.

Viel mehr gibt es eigentlich nicht zu sagen. Sie hat 7 Sounds (Kick, Snare, Hi Tom, Lo Tom, Open Hihat, Closed Hihat und Cymbal) sowie eine Extra-Spur für Betonung ("Accent"). Die Instrumente sind mit 6 separaten Volume-Potis regelbar.

 

Einsatzgebiete: Live-Sessions und analoge Drumsounds mit Retro-Flair.

 

Vorteile: Live programmierbar und eine der intuitivsten Trommelmaschinen aller Zeiten. Knackige Bassdrum, druckvoll ploppende Snare, crispe Hihats, beißende Cymbal und unnachahmlich klonkige Toms. Sie klingt, wie sie nunmal klingt - entweder man liebt diesen Sound oder man hasst ihn. Übereinandergelegt und mit der Accent-Funktion kombiniert, entwickeln gerade Hihat und Cymbal eine erstaunliche Ausdrucksstärke.

 

Nachteile: Kein MIDI, nur Sync. Begrenzte Möglichkeiten. Das 16tel-Raster der 606 ist fest vorgegeben, Shuffle-Beats können nur realisiert werden, indem man die Taktlänge anpasst. Aber ein leichtes "anshuffeln" war zu ihrer Zeit noch nicht vorgesehen und ist demnach nicht möglich (außer man nimmt eine externe Sync-Box, die das MIDI-Clock-Signal verändert und sie "swingen" lässt). Die Klänge können nicht verändert werden, es sei denn, man greift zu Bohrer und Lötkolben und lässt ihr eine der vielen "Circuit Bendings" angedeihen, die überall auf der Welt feilgeboten werden. Anscheinend wurde ein solcher Job bei meinem Exemplar begonnen und nicht zu Ende gebracht: Die Rückseite weist 5 kleine Bohrlöcher auf, die unzweifelhaft für Einzelausgänge gedacht waren. Unangenehm bei der kleinen Kiste ist, dass die Potis recht schwer gehen, vor allem die Rasterpotis für die Instrumenten-Anwahl und die Funktions-Modi sind störrisch. Da dieser Kasten nichts wiegt, dreht man eher den ganzen Drumcomputer und nicht den Poti.

 

Soundbeispiele

 

Simpler Beat mit allen Instrumenten, reicht vollkommen für einen ersten Eindruck.