LL Electronics Rozzbox One V2

"Digital" ist das neue "Analog", Freunde. Die Ein-Mann-Armee Kilian Leonhardt entwarf mit der Rozzbox ein kompaktes Soundmodul, das beide Welten vereint. Dieses Kleinod ist selten - es wurden laut Aussage von Kilian Leonhardt nur ca. 50 Stück gebaut, und eine Weiterführung der Produktion ist nicht geplant. Ich hatte Glück, eine zu erwischen. Und so steht auf dem Tisch vor mir ein Hybridsynthesizer, der ungefähr so groß ist wie eine kleine Lunchbox und eine derartige Masse an Funktionen aufweist, dass man aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommt.

 

Es gibt eigentlich nichts, was die Rozzbox nicht hat. Man vermisst nichts. Und verdammt, dieses winzige Ding ist sogar fünfstimmig polyphon und verfügt, wenn man will, sogar über einen 5-fachen Multimode. Oder es brüllt einen mit 5 Stimmen unisono an, so dass sogar mein MKS-80 irritiert das Display runzelt.
Vor allem eins finde ich sehr sympathisch: Das Konzept der Rozzbox versucht nicht, mit Holzseiten, einem aufwendigen DSP-Chipsatz und vielen Schrauben und Lämpchen dem unbedarften Musiker unterzujubeln: "Hey, fass mich an, ich bin analog". Okay... sie hat Holzseiten, aber sie täuscht nichts vor, sie ist etwas von beidem.
Die 4 Oszillatoren sind durch die Bank digital und bieten neben den Brot-und-Butter-Schwingungen Triangle, Saw und Square (mit PWM) noch 14 weitere, digitale Wellenformen. Das Audiosignal fließt durch eine parallel oder seriell verschaltbare Kombination aus Digitalfilter, analogem Transistor- und sogar einem echten Röhrenfilter, bevor es im Verzerr- und Zerstör-Modul den nötigen "Rozz!" bekommt. Hier ist alles drin, Damen und Herren.
Die Bedienung ist etwas tricky. Die insgesamt 54 (!) Potis und Schalter sind fast alle mit alternativen Funktionen belegt, die man durch eine Umschaltung im Menü erreicht - quasi eine Art "Shift"-Taste. Der anfänglichen Verwirrung weicht nach kurzer Einarbeitungszeit jedoch schnell die Routine. Man kapiert schnell, wo sich welche Funktion verbirgt.

Ah ja, und unten rechts finden sich dann die Schalter, die alles wieder kaputtmachen, was man eben so mühsam zusammengeschraubt hat - die Namensgeber der Rozzbox, die sich anhören wie die Namensliste eines grimmigen Wrestler-Stammtisches: Oszillator-Hacker, Distortion, Filterchaos, Aliasing, Samplerate- und Bit-Reducer. Wie es so unglaublich schön im Handbuch im Kapitel "Filterchaos" steht: "Diese Funktion ist völlig nutzlos. Wir wünschen trotzdem viel Spaß damit."
Der Output ist mächtig und hat ordentlich Druck. Die Distortion-Sektion ist nicht ganz nebengeräuschfrei, aber Jungs, ganz ehrlich - es stört nicht die Bohne. Mit der Rozzbox kann man derart kaputte Sounds produzieren, dass man jemanden, der dabei noch über ein Hintergrundrauschen meckert, am besten erst einmal mit ausreichend Hör- und Lesestoff über die Entstehung der Industrial Music ohne Abendessen auf sein Zimmer schickt. Ich mache zwar keinen Industrial, aber ich liebe den Klang dieser niedlichen Box, denn auch die zahmen Sounds klingen wirklich gut.
Und - huch, fast übersehen - es gibt ein Display. Ich glaube, so etwas winziges habe ich noch nie gesehen. Muss aus einer Damen-Digitaluhr ausgebaut worden sein. Aber, Bob sei's gelobt, es leuchtet, ist trotz seiner Winzigkeit lesbar und auch leicht verständlich. Zum Glück liegt bei der Rozzbox der Bedienungsschwerpunkt auf den Schaltern und Potis, nicht auf einer ermüdenden Odyssee durch endlose Untermenü-Ketten. Wenn man jedoch richtig in die Sound-Tüftelei einsteigen will, gibt es in den Tiefen dieser Pandora-Büchse noch die Möglichkeit, eigene Wellenformen zu zimmern, sowie eine komplexe Routing- und Triggermatrix, die schon fast modulare Möglichkeiten eröffnet. Aber ich mag es ja eher simpel.
Es gibt auch noch einen fuchsigen Sequenzer, der sogar zwischen verschiedenen Sounds switchen kann (du meine Güte, was noch alles...), aber den habe ich noch nicht ausprobiert und deswegen hülle ich mich darüber mal in bedächtiges Schweigen.

 

Einsatzgebiete: Allroundtalent. Soundmäßig gehts vom luftigen Seidenschal im Frühlingswind bis zu kränklichem Gebratzel oder psychotischem Geschrei aus dem Hochsicherheitstrakt. Für extrem klickige Sachen gibt es allerdings schnellere Hüllkurven bei anderen Synthesizern.

 

Vorteile: Extrem kompakt, vielseitig, super Sound, toll verarbeitet, geschmackvolles Design. Fühlt sich trotz des geringen Gewichts robust und seriös an. Ich möchte manchmal fast meinen Virus b als Vergleich herbeizerren, aber da hinkt es dann doch in mehrfacher Hinsicht, spätestens bei der Distortion, die hier so richtig nach dem wahren Sport klingt. Die Rozzbox ist kein virtuell-analoger Studio-Hengst mit integrierten Effekten und Hochglanz-Sound, sondern ein rozz-frecher Synth mit Attitude und einem nicht zu unterschätzendem Spielspaß-Faktor.

 

Nachteile: Es werden beim Poti-Drehen leider keine numerischen Werte angezeigt - da die Potis recht klein sind, kann es schonmal ein geduldiges Ohr erfordern, wenn man sie genau auf die mittlere Nullstellung bringen will. Es erfordert etwas Konzentration bei der Bedienung und ein waches Auge, auf welcher Funktionsebene man sich gerade befindet.

 

Soundbeispiele

 

Sie kann sehr symphonisch klingen! Hier eine Art "atmende" Kirchenorgel...

Ein Arpeggio aus digitalen Spektren mit Röhrenfilter.

Ein angezerrter Piano-ähnlicher Sound, gegen Ende etwas mehr verstimmt.

Wer auf 80er steht, kann das natürlich auch haben..

Beispiel für die Filterchaos-Funktion. Schwer zu kontrollieren, aber interessant.

Und hier werden diverse Varianten des Ozillator-Hackers zugeschaltet.