Creamware Prodyssey ASB

 

Die Hardware-Emulation des legendären ARP Odyssey aus dem Hause Creamware, jetzt umbenannt in Sonic Core. Im Grunde kommt man nicht umhin, ihn am Original zu messen, denn Creamware hat sich weit aus dem Fenster gelehnt und vollmundig zugesagt, authentische 1-zu-1-Nachbildungen ("ASB" für "Authentic Sound Box") der größten Analog-Legenden zu bauen: Des Minimoog (Minimax ASB), des Prophet 5 (Pro-12 ASB), der Hammond-Orgel (B4000 ASB) - und des ARP Odyssey! Und hier ist er, dies ist das Konzept: Mach mich ARP!

Unter der Haube tickt kein Kondensator oder Oszillator, sondern ein Computer, der das Orginal mit virtuell-analoger Rechenleistung imitiert. Das Bedienfeld ist, bis auf ein paar Kleinigkeiten, wirklich identisch mit dem des Odyssey - vielleicht noch abgesehen von der "Grey Meanie"-Optik, die eher dem ARP 2600 entliehen ist. Obwohl die Holzteile etwas "artfremd" wirken, kommt man mit dieser flachen Box schon sehr nahe an das ARP-Gefühl heran.
Die Verarbeitung ist gut, die Fader laufen sehr leicht und damit ist der Komfortfaktor schonmal um einiges höher als beim Odyssey. Das Bedienfeld ist vielleicht um ein Drittel kleiner als beim Vorbild, dennoch kommt man überall gut ran, alles ist übersichtlich und nach ARP-Manier übersichtlich beschriftet. Alle Reglerbewegungen werden live von einer rot leuchtenden LED-Anzeige begleitet, so dass man hier nicht nur nach dem Gehör Sounds programmieren muss. Abstufungen hört man hingegen nicht wirklich, also ist auch das Live-Schrauben ein großer Spaß.
Wenn es daran geht, den Klang zu beurteilen, begibt man sich auf dünnes Eis: Was zählt nun mehr? Die reine Sound-Qualität oder die Nähe zum Original? Wenn es um ersteres geht, gibt man dem Prodyssey gut und gern die Note 1, denn er klingt einfach sehr, sehr gut! Wenn es um die "Qualität der Fälschung" ginge, möchte man sagen: Ein aufmerksamer Schüler, der sich Mühe gibt, aber zuviel Eigeninterpretation einbringt und allzu eifrig übers Ziel hinausschießt. Wegen guter Mitarbeit eine 2 minus, setzen.
Die größte "Schwäche" des Prodyssey z.b. ist die fehlende Duophonie, soll heißen: Die getrennte Ansteuerbarkeit von zwei Oszillatoren, die trotzdem einen Filter, eine Hüllkurve, einen Amp, einen Ringmodulator und einen Hard-Sync durchlaufen. Dies eine "Schwäche" zu nennen, ist eigentlich unfair, denn im Prinzip ist es eine Eigenart des Originals, die damals ein simpler Workaround um ein technisches Hindernis war und heute durch die oftmals rosa getönte Brille der Vintage-Synth-Fetischisten als "unschlagbare Charaktereigenschaft" lobgepriesen wird. Stimmt schon, Duophonie hat was spezielles, aber man darf nicht vergessen: Damals, Anfang der 70er, war Polyphonie durchaus angestrebt, aber nur mit riesigem Aufwand zu realisieren. Heute ist Stimmvielfalt, technisch betrachtet, ein Achselzucken auf dem Motherboard.
Aber wie dem auch sei - die Oszillatoren der Creamware-Box klingen eigentlich zu perfekt, zu glatt, der Ringmodulator scherbelt etwas zu gefällig, der Osc-Sync hat nicht denselben breitmauligen Biss wie beim analogen Odyssey. Ich habe einige Einstellungen 1 zu 1 mit dem Original verglichen, sofern das möglich war. Es gibt einige Sounds, die frappierend ähnlich klingen, andere wiederum sind Welten entfernt.
Als ich ihn zum ersten Mal in unserem lokalen Musikalien-Superstore testete, war ich überrascht, wie "dreckig" der Prodyssey klingen kann... ich kannte nur damals den Original Odyssey noch nicht. Aber nun Schluss damit - er ist nicht das Original, es macht trotz seines etwas vorlauten Produktnamens nur begrenzt Sinn, ihn gähnend lang mit dem Original zu vergleichen, ohne in emotional gefärbte Esoterik abzudriften, also lasse ich's jetzt einfach.
Der "Prody" ist ein richtig guter und empfehlenswerter Synth mit allem, was man so braucht, wenn man auf der Suche nach "analogem" Klang ist. Satter Sound, schöner Filter, schnarzige Sägezähne, Rechteckwellen mit ordentlich Schubkraft, Anschlagsdynamik, Speicherplätze, volle MIDI-Einbindung, 12-stimmig polyphon. Eingebaut ist auch die Emulation eines "Moog-Filters", die man mit einem simplen Taster aktiviert und so die Option bietet, von "ARP" nach "Moog" zu switchen. Hübsch, aber von mir selten genutzt - der Klangunterschied ist nicht wirklich weltbewegend.
Mitgeliefert wird zusätzlich zur Hardware eine gut programmierte Editor-Software, die überraschenderweise der schwarz-orangefarbenen Designlinie der späteren ARP-Modelle folgt. Hier bieten sich neben der Option, den Prodyssey vom Rechner aus komplett fernzusteuern, noch ein paar Leckerlies, die keinen Platz auf der Hardware-Konsole gefunden haben: Ein Chorus, ein per MIDI synchronisierbares Stereo-Delay, eine MIDI-Clock-Einstellung für den LFO und ein paar weitere Kleinigkeiten wie z.b eine einstellbare Pitchbender-Range und die Möglichkeit, die Firmware easy auf den neuesten Stand zu bringen. Das halte ich für eine Spitzen-Angelegenheit, wenn ich bedenke, was das immer für ein Act beim Virus war.

 

Einsatzgebiete: Eigentlich alles, was auch ARP kann - nur diesmal auch polyphon!

 

Vorteile: Klein, flach, stark. Wenn man ARP kennt, kann man sofort loslegen. Vollwertiges Analog-Feeling. Man hat nie das Gefühl, an einem virtuell-analogen Synth zu drehen (oder besser: zu schieben). Alle Schalter des Odyssey wurden hier durch Taster ersetzt, die ihre Stellung durch rote LEDs anzeigen. Der Prodyssey glimmt und blinkt wie ein Weihnachtsbaum, es reicht oft ein kurzer Blick aufs Bedienfeld und man hat alle Informationen. Was mich als Kerzenlicht-Fan besonders erfreut, wenn's im Studio mal wieder spät wird - beim Odyssey brauche ich manchmal eine Taschenlampe, um rauszufinden, wo es hakt. Der Prodyssey ist ein bißchen anders und ein bißchen mehr als "nur" ein ARP-Klon. Er kann, er will - und er bringt's.

 

Nachteile: Was leider der Nachteil fast aller softwaregesteuerten Synthies ist - die Regler zeigen nicht unbedingt die Einstellung, die man hört. Wenn man draufloseditieren will, ist man drauf angewiesen, die Regler erstmal "auf Verdacht" zu bewegen und die Parameter-Werte "abzuholen". Kann schon lästig sein - unter anderem deswegen liebe ich Analoge ja so sehr. Und ganz wichtig: Immer unbedingt speichern, denn was nicht in seinem Speicher ist, hat er nach dem Ausschalten komplett vergessen!
Tja, und im Detail steckt auch hier und da ein kleiner Luzifer. Der "VCA Gain"-Regler sollte z.b. eigentlich dazu dienen, eine Art "Hold-Funktion" zu liefern, was ja eigentlich sehr nützlich sein kann. Statt dessen ertönt stets eine Kakophonie aus allen 12 Oszillatoren mit den letzten zwölf irgendwann gespielten Noten, was ich für extrem seltsam halte. Deshalb finde ich diesen Regler beim Prodyssey eigentlich überflüssig. Vielleicht ein Bug in der Firmware.
Das Polyphonie-Verhalten ist sowieso eigenartig und unlogisch, denn er verschluckt Noten auch bei vier- oder fünfstimmigen Akkorden, als sei die Stimmenanzahl schon überschritten. Verstehe ich nicht so ganz, denn z.b. mein Roland-Veteran MKS-80, der von Hause aus nur 8 Stimmen hat, verhält sich da wesentlich intelligenter, weil er nur die Noten abschneidet, die am zeitlich am längsten zurückliegen und somit sowieso schon im Ausklingen begriffen sind. Das disqualifiziert den Prody mitunter als "Teppichleger" für schnulzige Streicherflächen und sämige Pads, denn sowas kann im Arrangement schon auffallen. Als Trost: Es bleiben noch genügend andere Klang-Optionen.

Auch einen kleinen Hinweis wert: Er braucht ungefähr sieben Sekunden (!) zum "Anspringen" - also nicht gleich denken, er sei kaputt, wenn sich beim Einschalten erstmal nix tut.

 

Soundbeispiele

 

PWM-Leadsound, mal umgeschaltet zwischen ARP- und Moog-Filter.

Sync-Bass mit Rechteckwelle. Leichtes Knacksen beim Umschalten von ARP nach Moog.

Erstaunlich pianoesk: Sägezahn, gefiltert und mit leichtem VCF-Tremolo.