ARP Odyssey MKII

 

Es gab drei Versionen des ARP Odyssey, die die Bezeichnung MKI bis MKIII tragen. Um ganz ehrlich zu sein, ich bin mir nicht hundertprozentig sicher, ob es sich hier um einen späten MKI oder einen frühen MKII handelt. Er hat den altmodischen Pitchbender-Drehknopf, was auf einen MKI hinweist, jedoch hat er CV- und Gate-Eingänge, was wiederum charakteristisch für einen MKII ist. Ebenso das schwarz/goldene Design - die MKI-Serie war weiß (deswegen oft zärtlich "Whiteface" genannt). Ach, egal. Jedenfalls ist das hier ein weiterer VIP unter den altehrwürdigen Analogsynthesizern. Die Gruppe Kraftwerk prägte unter anderem mit dem Odyssey die elektronische Musik der damaligen Zeit und präsentierte Songs wie "Neonlicht". George Duke und Herbie Hancock machten den Odyssey als funky Leadinstrument für Jazzer salonfähig und in den 80ern wurde er von D.A.F. oft für ihre monoton-zackigen Basslinien genutzt - man höre z.b. mal bei "Verschwende Deine Jugend" rein. Auch heute noch hört man den Ody hier und da deutlich raus, unter anderem bei Nine Inch Nails (Soloeinlage bei "The Hand That Feeds").

Diese Version des Odyssey stammt aus jenem kurzen, wilden Zeitabschnitt des aufstrebenden Synthesizer-Herstellers ARP, um den sich heute die meisten Legenden und Gerüchte ranken: Hat nun ARP bei Moog die Filterbauweise abgekupfert oder nicht? Wann, wie, wo? Gab es Ärger? Wann genau fing ARP nun an, eigene Filterbausteine zu verwenden? Ist da wirklich eine Limitierung in der Bandbreite, die bei 12 KHz endet? Auweia! Klingen die also... Gott bewahre... schlechter? Welche ARPs besitzen nun das legendäre "Moog-Filter" und welche nicht?

 

ARP-Filter, Moog-Filter... das ist meiner Ansicht nach mittlerweile zu 90% reine Fan-Hysterie um ehrwürdige Namen. Und warum einen ARP kaufen, wenn man doch einen Moog haben will? Nein, der Odyssey klingt nicht wie ein Moog. Er ist vom Charakter her vielleicht eher in der "Moog-Ecke" anzusiedeln als z.b. in der "MS20-Ecke", aber jedes Instrument klingt anders, und der Odyssey und sein Filter klingen wundervoll. Eben auf seine Art.

Die Ausstattung wirkt auf den ersten Blick etwas spärlich: 2 Oszillatoren mit jeweils nur 2 Wellenformen - Sägezahn und Rechteckwelle. Letztere lässt sich in der Pulsweite modulieren.

Der Grundsound ist nicht so wuchtig und bassig wie ein Minimoog, aber sehr breit und kräftig. Das Filter lässt sich bei meinem Exemplar (Seriennr. 0365) tatsächlich (siehe oben) nicht über den hörbaren Bereich hinausschieben wie beim Mini, ist aber schön kristallin, klar und sehr musikalisch einsetzbar. Der ARP Odyssey war außerdem der erste Kompakt-Synth, der Oszillator-Synchronisation anbot. Der Ringmodulator erlaubt alles von "Distortion"-artigen Sounds über Glockengeläut bis zu brachial metallischem Gedengel.

Der Aufbau des ARP Odyssey ist nicht ganz das, was man als Kenner von analogen Synthesizern gewohnt ist. Statt auf die freundlichen Drehknöpfe setzte ARP auf platzsparende Schieberegler. Wenig befindet sich dort, wo man es erwartet: Die LFO-Wellenformen verstecken sich bei den Oszillatoren, die Schalter für die Oszillator-Wellenformen finden sich am Ende des Signalflusses im Mixer. Das Modulationsrouting geschieht nicht zentral wie z.b. beim Pro-One, sondern ist ebenfalls über die ganze Bedienfläche verstreut. Kreuz und quer, Kraut und Rüben! Als ARP-Anfänger saß ich schon das eine oder andere Mal minutenlang vor der Kiste und suchte mir einen Wolf nach der nächsten Funktion. Vielleicht daher der Name "Odyssey"...? Aber wenn man dann so langsam durchsteigt, geht einem ein Kronleuchter nach dem anderen auf: Worin er in punkto Wellenform-Auswahl und Spielbarkeit einem Minimoog nachsteht, das macht er durch Vielfalt allemal wett.

Geniale Möglichkeiten finden sich im Sample-and-Hold-Mixer und dem Audio-Mixer, in dem man den Output des S&H-Mixers z.b. auf das Filter routen kann. Kombiniert mit der Option, dass sich beide OSCs tief in den "Low-Bereich" schicken lassen, ergeben sich schonmal verdammt interessante Wellenformen vom chaotischem Wassergluckern bis hin zu melodischen Pseudo-Sequenzen.

Die Envelopes sind per LFO triggerbar, mit dem "VCA-Gain"-Regler kann man einen Ton schön stehenlassen und schon spielt der ARP lustig vor sich hin, während man schraubt und sich immer wieder überraschen lässt, was alles in der kleinen Kiste steckt! Die Hüllkurven sind, verglichen mit einem Moog, nicht ganz so knackig, aber auch nicht so schlaffi wie beim OSCar. Aber jetzt höre ich mal auf mit den nervigen Vergleichen.
Merkwürdig an dem Konzept des Ody ist auch, dass der LFO stets bei Tastenanschlag auf der höchsten Amplitude neu gestartet wird. Man könnte somit den LFO als zusätzliche "Hüllkurve" einsetzen, was aber verwundert, denn mit 2 echten Hüllkurven ist er bereits ausreichend bestückt. Dieses "Feature" hat mich eher genervt, wenn ich ehrlich sein soll.
Aber - der Odyssey ist duophon spielbar. Ein Feature, auf das ich besonders stehe, vor allem in Verbindung mit einem solchen Ringmodulator. Sexy!
Die für die Odyssey-Optik der MKI- und MKII-Serie charakteristischen, wie Chevy-Heckflossen hervorstehenden Seitenteile sind kein Designer-Hirnfurz, sondern haben die Funktion, die Fader, Tastatur und Anschlüsse vor mechanischer Einwirkung zu schützen. Naja, sie tun, was sie können.

 

Einsatzgebiete: Bässe, Leads, duophone Pads, Drones, Effekte, Percussions. Perfekter Allrounder mit Charakter

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Vorteile: Ein kompakter Analoger mit hervorragendem Klang. Tricky aufgebaute S&H-Schaltung, engelsgleich jubilierendes Filter. Eine gute Tastatur mit 4 Oktaven, die sich erstaunlich weich anfühlt und unter den Oldie-Analogen qualitativ bis heute weit vorne liegen dürfte. Der OSC-Sync ist famos und, wie gesagt, der erste seiner Art. Die Duophonie zähle ich persönlich zu den absoluten Stärken des Odyssey, auch wenn es sich nicht um "echte Polyphonie" handelt - ich mag es, und zwar sehr.

 

Nachteile: In punkto Ausstattung gibt es einige Mysterien. Das Stimmen des ARP Odyssey ist absolut nervig, es gibt keinen Master-Tune-Regler. Ebenso vermisst man einen Lautstärkenregler - diese bestimmt man über den Wirkungsgrad der VCA-Hüllkurve oder den VCA-Gain, was letzten Endes auf dasselbe rausläuft, aber trotzdem verwirrt. Es gibt keine stufenweise Oktavschaltung, sondern einen Kipphebel, der den ganzen Synth gleich um zwei (!) Oktaven hoch- oder runtertransponiert. Hm.
Was das ausdrucksstarke Spiel angeht, da ist der Odyssey leider auch kein Luxuskreuzer. Es gibt (zumindest bei den Versionen ohne PPCs) keinen Modulationscontroller. Sehr merkwürdig: Als Pitchbender fungiert hier ein simpler Poti ohne Rückholfeder - für heutige Keyboarder, die den Mindeststandard gewohnt sind, vermutlich ein Grund zum Haareraufen.
Der Odyssey ist zudem ein zerbrechlicher Knabe. Die nahezu lächerlich zarten Fader sind leider zu allem Überfluß auch noch aus Plastik. Diese verlieren mit der Zeit durch Ablagerungen und Korrosion deutlich an Beweglichkeit. Ich habe auch von Odysseys gehört, deren Fader hoffnungslos festgefressen waren. Wer hier grobmotorisch veranlagt ist, läuft Gefahr, die winzigen Dingerchen einfach - zack! - abzubrechen. Auch ein Gegenstand, der auf das Frontpanel fällt, könnte einem so richtig den Tag verderben. Es gibt also immer weniger "Odies", die noch alle Zähne im Maul haben. Da hab ich nochmal Glück gehabt.

Und Achtung an die Studio-Schrauber: Die Buchsen für CV, Trigger und Gate sind Mini-Klinke. Der Ody benötigt mindestens +10V Spannung, um sauber zu triggern.

Modifikationen, von Nikolaus Riehm (www.studiorepair.de) durchgeführt: LFO per Kippschalter vom Hüllkurvengenerator trennbar, extra CV-Buchsen für Filter-Cutoff und VCO2. Danke, Niko!

 

Soundbeispiele

 

Charakteristischer Sync-Sound aus dem Intro von Kraftwerks "Neonlicht".

VCO-Sync! Nicht ganz original, aber bei Underworlds "Rez" war's bestimmt ein Odyssey.

Der Ringmodulator kam bei Nine Inch Nails "The Hand That Feeds" zum Einsatz.

Auch D.A.F. liebten ihn - z.b. bei "Verschwende Deine Jugend"!

R2D2 wurde zwar auf einem ARP 2600 gemacht, aber Ody hat dasselbe Filter.

 

Ein besonderer Dank gilt an dieser Stelle Dirk Matten vom ehemaligen Synthesizerstudio Bonn für freundliche Tipps und konstruktive Kritik.