ARTURIA MiniBrute

Die bisher für ihre Software-Simulationen von Vintage-Synths bekannte Firma Arturia traut sich was, und zwar in mehrfacher Hinsicht: Mit dem MiniBrute kam nicht nur ein rein analoger Klangerzeuger auf den Markt, er verzichtet auch auf "must-haves" wie Speicherplätze, Polyphonie, MIDI-Fernsteuerung der Parameter und - Obacht! - er kostet obendrein noch unter 500,- Euro! Gewagt, gewagt… oder?
Die Neugier obsiegte und ich rekrutierte ihn für meine kleine Privatarmee von Klangerzeugern. MiniBrute. Komischer Name. Ich war sehr gespannt auf ihn - und um ein kleines Vorab-Fazit zu ziehen: Er hat mich überzeugt, auch wenn er hier und da Anlass zur Kritik bietet.

Das Schlimmste vorweg, kurz und schmerzhaft: Der MiniBrute hat nur einen Oszillator. Aaaargh! Adieu, beißender Analog-Sync! Kein Scherbeln und Dengeln mit dem Ringmodulator! Keine schwebenden Drones und Strings mit zart verstimmten Sägezähnchen… Weh und Ach! Zeter und Mordio!
Nachdem das allgemeine Protestgeheul verstummt ist, ein paar tröstende Worte: It's not a bug - it's a feature. Diese Tatsache ist zum großen Teil prägend für den Klangcharakter dieser Maschine. Weiterhin ist das Filter ein wichtiger Faktor, der den MiniBrute zu dem macht, was er ist. Laut Manual ist das VCF-Modul nicht etwa schon wieder nach dem Moog-Vorbild (gääääähn) gestrickt, sondern trägt eine ganz andere Flagge vor sich her: Das sogenannte Sallen-Key-Filter stand Pate, weiland verbaut in einem mittlerweile sehr seltenen Vintage-Instrument, dem Steiner-Parker Synthacon.
Okay, äh… wow. Ich zucke fachmännisch mit den Schultern, denn ich habe, unter uns gesagt, nicht die blasseste Ahnung, was das bedeutet. Ein Synthacon habe ich nie zu Ohren, geschweige denn je zu Gesicht bekommen. Also betätige ich den Stromschalter des MiniBrute, lasse ihn ein paar Minuten vorglühen und versuche mich an den ersten Klangexperimenten. Und siehe da, es ertönt --- nichts.

Was ist da los? Nagelneu und schon kaputt? Der Laie wundert sich und forscht. Es blinkt hier und da, aber kein Regler regelt, keine Taste tastet, er ist stumm wie ein Ziegelstein und pulsiert mich zynisch mit seiner LFO-Diode an: "Na, was ist? Modularsysteme hast du gezähmt, den Vostok geritten, sogar beim kryptischen OSCar bist Du durchgestiegen und jetzt versagst Du vor mir? Einer Kompaktklassen-Hupe? Alter, wo klemmts?" Ich transpiriere und fummle hilflos an allen Reglern und aus Verzweiflung sogar am Mischpult-Gain… Risiko! Aber dann stößt die aufgeregt zitternde Hand auf einen Drei-Wege-Schalter auf der Rückseite. Was ist das? Aha. Erleichterung macht sich breit: Das Gate-Signal ist auf "Audio" gestellt. Audio? Hätte ich vielleicht doch mal ins Manual schauen sollen, ich Schlauberger. Jetzt kanns losgehen! Mischpult-Gain runter, Gate auf "KEY"-Stellung, alle Regler auf null und dann nochmal mit Gefühl. Und oh! Er tönt.


Der Oszillator ist, wie schon gesagt, ein Einzelkind. Mittels einer Mixersektion, die mich an Roland-Veteranen der SH-Serie erinnert, lassen sich fünf VCO-Anteile separat regeln: Suboszillator (schaltbar Rechteck/Sinus, -1 und -2 Oktaven), Sägezähn, Rechteck, Dreieck und Rauschen. Als sechster Kanalzug steht externes Audio bereit. Schön, schön. Es bewegen sich hier erstmal keine Welten, möchte man vermuten, denn die verschiedenen Schwingungen sind zueinander phasenstarr - logisch, alle stammen von einem einzigen VCO. Es dröhnt hier erstmal ziemlich hirntot so ganz ohne Modulation, aber natürlich war das noch nicht alles, haha.

Wir kommen nun zu den "kleinen Schweinereien": Rechteck lässt sich in der Pulsweite regeln, Sägezahn lässt sich per modulierter Phasenverschiebung aufmotzen zum (ähem) "Ultrasaw" und Dreieck hat einen… Metalizer. Hä? Metal - was? Das Manual verrät nicht viel, außer dass die Wellenform "gewarpt" und "gefaltet" wird. Aha. Wie hört es sich an? Schon nach zwei Strichen auf der Skala hat das von Hause aus sehr zahme Dreieck schon so gar nichts mehr mit Dreieck zu tun - from zero to bitch in 0.5 seconds! Und so sieht das auf dem Oszilloskop aus:

 

Metalizer-Oszilloskopansicht



 

Ultrasaw hat einen eigenen LFO, Pulsbreite und Metalizer sind per LFO und Hüllkurven modulierbar.

 

Und weiter gehts - probieren wir die Filtersektion. Hier präsentiert sich Vielfalt - Lowpass, Bandpass, Highpass und Notch, alles resonanzfähig bis zur Selbstoszillation. Der Klang des Filters ist bei Solo-Eigenresonanz ziemlich klar und kristallin, aber im Zusammenklang mit den Oszillatoren… oha! Ich würde sagen, er tendiert in Richtung Korg MS-20, sogar einen Ticken bösartiger. Fieser Bursche. Der Frequenzgang ist sehr weit und reicht an beiden Enden über bzw. unter den hörbaren Bereich.
Wandert der Blick horizontal weiter, findet man noch was gemeines: Den Brute-Faktor. Und was ist das schon wieder? Freunde des Minimoog werden es schon kennen: Man führt das Ausgangssignal des Synths mit einem Kabel wieder zurück in den Audio-Eingang, erzeugt also eine Art Feedback-Schleife, die normalerweise mit glühendem Overload-Lämpchen und ordentlich Alarm im Signalweg quittiert wird. Har, har. Hier gibts zwar kein Overload-Birnchen und man braucht kein Kabel, aber der Brute-Faktor geht noch weiter, über die Sättigung hinaus, bis zur Zerstörung des Signals. Unberechenbar, rüpelhaft und unmusikalisch? Yes, Sir! Sogar wenn die VCO-Sektion auf Null steht, brummt und brät er bei Poti-Maximalanschlag solo vor sich hin - da wird anscheinend das eigene Betriebsgeräusch so weit hochgejazzt, dass es sich zur bösen Drone emporschaukelt. Ja, da brutzelt es ganz schön, und das alles mit Erlaubnis der Eltern, denn immerhin gibts dafür einen Namen und einen eigenen Poti. Ich empfehle besonders die Kombination Bandpass-Filter vs. Brute-Faktor, da jault und kreischt es, dass es eine Freude ist.

 

Besonderen Spaß macht auch der pfiffige, MIDI-Clock-fähige Arpeggiator, der über 4 Oktaven jodeln kann, hoch, runter, beides, kreuz und quer (random). Er bietet 4tel, 8tel, 16tel, entsprechende Triolen-Unterteilungen und sogar einen Shuffle-Modus in mehreren Stufen. Nicht schlecht, der Specht! Das Tempo lässt sich per Tap-Button einstellen, mit einem Poti kann man jedoch auch den klassischen Weg beschreiten, wenn man will. Der Tempo-Poti wird bei angeschlossener Clock zum Frequenzteiler bzw. Clock-Divider. Besonders reizvoll ist, dass man im "Hold"-Modus einzelne Noten auch mehrfach zum laufenden Arpeggio hinzufügen kann. Angenehm auch, dass die Pitchwheel-Range in Halbtonschritten quantisiert ist. So lässt sich eine laufende Tonsequenz sauber transponieren. Per USB-Zugriff kann man obendrein festlegen, die gedrückten Noten (bis zu 16 an der Zahl) nicht nach Tonhöhe, sondern nach gedrückter Reihenfolge zu sortieren, was ihn eigentlich zu einem 16-Step-Sequenzer macht. Für so eine geile Funktion hätte ich mir einen Schalter auf dem Armaturenbrett gewünscht. Der LFO lässt sich zum Arpeggiator synchronisieren, Filter, Pitch, VCA und bereits beschriebene Schweinereien schwingen im Takt - und schon groovt's, ich verspüre Lust auf etwas Bürostuhl-Ballett. Schickomat!


Die restlichen Features sind schnell gelobt: Der LFO bietet eine amtliche Auswahl an Schwingungen und Routings sowie positiven und negativen Regelbereich - das ist zum Bespiel etwas, was man relativ selten bei fest verdrahteten Analogsynths findet. Es gibt einen zweiten LFO, der als reines Tremolo fungiert und sowohl Sinus- als auch Rechteck-Charakteristiken bietet. Sehr praktisch für Folklore-Triller, wenn man's braucht. Das Keyboard ist zwar etwas billig vom Spielgefühl her, versteht aber Aftertouch. Es gibt einen Portamento-Regler, griffige Pitch- und Mod-Wheels runden die Sache ab. Die Verarbeitung ist super, das Gehäuse ist aus Metall, die Potis drehen sich schön sämig und rasten in der Mitte ein, wo es wichtig ist. Nur die Schieberegler sind mir etwas zu leichtgängig. Die Hüllkurven, zwei an der Zahl, sind auch hier wieder kein Peitschenknall wie bei Kollege Minimoog oder Doepfer Dark Energy, aber durchaus okay. Die Ansprechzeit der Envelopes kann man per Kippschalter zwischen "fast" und "slow" umschalten, was bei den empfindlichen Reglern eine sinnvolle Einrichtung ist. Ohne Wermutstropfen gehts leider nicht: Velocity lässt sich nur nutzen, wenn man den Minibrute extern ansteuert, und zwar mittels der diversen CV- und Gate-Eingänge, die er gottlob aufweist - nicht über das eingebaute MIDI-Interface und nicht über die interne Tastatur. Man fragt sich, wieso. Tja, vielleicht ein Kandidat für's nächste Firmware-Update? Wir werden sehen. Fazit: Eine kompakte, trotz weniger Kritikpunkte clever durchdachte Spaßmaschine für kleines Geld.

 

Einsatzgebiete: Freche Leads und Effekte, von hart bis zart.

 

Vorteile: Klanglich ist der Minibrute ein Charakterkopf, der seinen eigenen Weg geht - Respekt. Kein Allround-Synth, aber durchaus interessant für Leute, die schnell mal was probieren wollen oder auch für erfahrene Schrauber, die vielleicht noch ein akustisch ergänzendes Puzzleteil für den eigenen Fuhrpark suchen. Die Phasenstarrheit der VCO-Sektion macht zackige Bassläufe möglich, die eher an digitale FM-Kollegen wie DX7 erinnern. In der Kombination mit dem frechen Filter und den Waveshaping-Optionen wie Ultrasaw und Metalizer hat das seinen eigenen Reiz. Schönes und übersichtliches Layout des Bedienfeldes, flott zu bedienen, ein bißchen Richtung Roland SH-Serie, gefällt mir prima. Extra regelbare Kopfhörer-Buchse, auch sinnvoll für heutige Anforderungen. Gute Verarbeitung, wirkt insgesamt sehr stabil. Wenn man bedenkt, wie klapprig dagegen der alte Pro-One daherkommt, der stets leuchtende Augen und ehrfürchtiges Wispern bei Vintage-Freaks bewirkt und mittlerweile das drei- oder vierfache vom MiniBrute kosten dürfte, dann gibt es hier überhaupt nichts zu meckern. Der 3-Wege-Schalter auf der Rückseite ist nicht nur wichtig, sondern auch gut im Blindflug zu finden. Er bietet 3 Gate-Modi: Keyboard, Audio (!) und Hold, was ich sehr begrüße. Überhaupt ist dieser kleine Synth ein nicht uninteressanter Kandidat fürs Patchen mit Modularsystemen, denn er bietet diverse CV/Gate-Ein- und Ausgänge im Miniklinken-Format - das schreit geradezu danach, ihn mit diversen Doepfer-Teilen oder z.b. einem Vostok zu verkuppeln. Insgesamt ist der MiniBrute mit Single-VCO und zwei LFOs für sich genommen kein Modulationsmonster, mit dem alles geht, aber für dieses schmale Budget stecken Features drin, die nicht nur ziemlich originell, sondern auch ziemlich luxuriös sind. Meine Meinung.

 

Nachteile: Der aufmerksame Leser hat es bemerkt… hey, wieso steht unter Einsatzgebiete nicht "Bässe"? Ist doch ein Analoger! Der müsste doch die Wände zum Wackeln bringen! Nein, leider tut er das nicht. Das Frequenzspektrum des Minibrute ist ohne EQ-Einsatz eher mittig anzusiedeln. Es gibt durch den Suboszillator zwar ein bißchen Schub, aber da hat selbst der Korg MS-20 die dickeren Hosen an - dessen VCOs sind zwar auch keine Donnergötter, aber seine schräge Filterkonstruktion kann durch Selbstoszillation im unteren Bereich gewaltig Druck machen, was hier irgendwie nicht der Fall ist. Die Phasenstarrheit der VCO-Schwingungen hat bei manchen Einstellungen den Nachteil, dass sich das Signal etwas ausdünnt und oft schwächer ausfällt als erhofft, was wohl in der Natur der Sache liegt. Die Schieberegler sind mir zu leichtgängig, man verstellt schnell etwas, wenn man dagegenstößt. Tastatur billig, aber irgendwo muss man ja sparen bei dem Preis. Die im Web verfügbare Gratis-Editor-Software wartet "leider" mit so interessanten Einstellmöglichkeiten auf, dass es ein echter Kracher wäre, wenn es auf dem MiniBrute noch hier und da ein Schalterchen dafür gäbe. Letzter und vermutlich schwerwiegendster Kritikpunkt: Die fehlende Anschlagsdynamik, und das finde ich nun wirklich ein bißchen schade, da hätte ich persönlich lieber auf Aftertouch verzichtet.

 

Soundbeispiele

 

Arpeggiator mit reiner Filter-Eigenresonanz und später Dreieckwelle.

Fünf Beispiele für sehr lebendige Arpeggios mit Modulationen!

Shuffle, shuffle, Häusle baue: Arpeggiator mit allen 4 Filtertypen.

Dreieckwelle mit schubweise gesteigertem Metalizer.

Macht kaputt: Der Brute-Faktor.

Schön breit: Rechteck-PWM mit Lowpass-Filter.